Ist Bio Gesundheit, Umweltschutz oder einfach Glaubensfrage?

Hast du dich auch schon gefragt, warum viele BIO-Frischprodukte in einer zusätzlichen Plastik-Umverpackung verkauft werden? Kein neues, aber gut nachgefragtes und heiss diskutiertes Thema, zeigen die zahlreichen Suchergebnisse im Web.

Hier finden sich Themen-Links zu beinahe allen bekannten Newsseiten, Foodblogs, selbsternannten Weltheilern und natürlich auch in die Leserbriefabteilung des Detailhandels.

Bei Coop wurde diese Frage im 2013 zum Beispiel so beantwortet:

Antwort von Guido Fuchs, Projektleiter Nachhaltigkeit, Coop

Wo Bio draufsteht, muss Bio drin sein. Das ist gesetzlich vorgeschrieben und das verlangen auch die strengen Knospe-Richtlinien. Um eine Verwechslung im Warenfluss oder im Laden auszuschliessen, müssen BIO-Produkte deshalb klar gekennzeichnet sein. Bio-Produkte werden wenn immer möglich im Offenverkauf angeboten und mit einem Bio-Aufkleber gekennzeichnet. Bei einigen Produkten wie der Sellerieknolle haftet dieser Aufkleber jedoch nicht und die Produkte müssen verpackt werden. Darüber hinaus schützt die Verpackung Früchte und Gemüse beim Transport, aber auch vor dem Austrocknen. Da ein Grossteil der Energie in den Produkten und nur sehr wenig in der Verpackung steckt, ist sinnvoll eingesetzte Verpackung unter dem Strich positiv. Bei der Wahl des Verpackungsmaterials stützt sich Coop unter anderem auch auf Ökobilanzen, und hier sind dünne Plastikfolien meistens ökologisch besser als wesentlich schwerere Verpackungen aus Papier, Karton oder Holz. Neuartige kompostierbare Plastikfolien aus Weizen- oder Maisstärke verwendet Coop bewusst nicht. Unter anderem, weil sie häufig aus industrialisierter Landwirtschaft stammen und zudem die Nahrungsmittelproduktion konkurrenzieren.

In einem SRF Espresso  Beitrag aus dem 2015 wurde dieser Streitpunkt wie folgt formuliert. (Da hier ebenfalls Coop als Handelsvetreter herangezogen wurde, ist die Antwort auch zwei Jahre später immer noch die gleiche)

Streitpunkt 5: Ist Plastik auch Bio?

Biogemüse wird bei den Grossverteilern oft in Plastik verpackt. Dies, obwohl zum Beispiel Bio Suisse verlangt, dass die umweltschonendste Verpackung gewählt werden muss. Dass Bio-Gemüse überhaupt verpackt werden muss, erklären die Grossverteiler mit der Bio-Verordnung, die explizit vorschreibt, dass Bio-Produkte klar erkennbar und getrennt von konventionellen Produkten angeboten werden müssen.

Ausserdem sei Plastik betreffend ökologischem Fussabdruck besser als zum Beispiel Karton oder Papier. Keine Alternative ist sogenannter Bio-Kunststoff. Dieser wird auf Basis nachwachsender organischer Rohstoffe wie zum Beispiel Mais produziert und gilt deshalb als wenig nachhaltig.

Veggibag oder Lichttattoo?

Neu erhältlich in der Migros ist der Veggie Bag. 4 wiederverwendbare und waschbare Polyester-Taschen können für CHF 6.90 gekauft werden. Auf der Website wird der ökologische Vorteil dann so beschrieben: „..wird der Veggie Bag mindestens sechs Mal wiederverwendet, weist er eine geringere Umweltbelastung auf als ein herkömmliches Einweg-Plastiksäckchen.“ 

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Die erstgenannten Plastik-Umverpackungen sind jedoch weiterhin vorhanden und so wird nur das Problem der Nutzung von Rollenplastiksäckli gelöst, oder eben gar keins, glaubt man dem K-Tipp Beitrag aus dem 2016. Hergestellt werden die Gemüsesäckli in China gemäss Blick, doch seien wir ehrlich, die Frage hinter dieser Umsetzung lautet: Welches Ziel wurde hier effektiv verfolgt und wo liegt der Messbare KPI für den verantwortlichen PM?

Gemäss Migros ist dies ein weiterer Baustein im Nachhaltigkeitsprogramm Generation-M mit dem Fokus „Vermeiden – Vermindern – Verwerten“ und dem Ziel bis 2020 über 6000t Verpackungsmaterial ökologisch zu optimieren.

Diese „Öko-Verpackung“ ist, nach der Einführung der Kostenpflicht für Plastiksäckli, wieder ein Optimierungs-Task, der die Kunden in die Pflicht nimmt und der Orange Riese nur ein benötigtes Instrument als Produkt gewinnbringend (Annahme) zur Verfügung stellt.

Gemäss Bericht auf Migros Generation-M wurden in der Genossenschaft Zürich im Rahmen einer Testphase über 200’000 Veggi Bags verkauft. Möglicherweise spielte hier das „nomie“ nach dem „Öko“ auch eine gewichtige Rolle für den Rollout nach dem erfolgreichen Test.

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Die Welt.de zeigt in einem aktuellen Artikel eine mögliche Lösung mit Lichtbranding auf Süsskartoffeln und Avocados, die bei Rewe und Penny geprüft werden. Das Newsportal Watson spricht dieses Projekt dem niederländische Bio-Handelsunternehmen Nature & More gemeinsam mit der schwedischen Supermarktkette ICA zu, welche, so meine Recherche, das Initialprojekt ins Leben gerufen haben. Die Migros und auch Coop prüfen diese Kennzeichnungsart ebenfalls, wobei noch einige Unklarheiten zu beseitigen wären.

Hierbei sehe ich eher ein Verkaufsargument als einen vielversprechenden Nutzen. Vielleicht könnte man auch eine Gen-Veränderte Züchtung prüfen, bei der das Label, inklusive des Verfallsdatums, direkt am Gemüse oder der Frucht wachsen, oder eben mehr auf wirkliche Nutzen setzen, an Stelle von ergänzenden Sales-Treibern.

Zugegeben, die ausgeführte Verpackungsproblematik  bewegt sich im Mikrooptimierungsbereich und der sehr gut eingepackte Knollensellerie steht stellvertretend für den BIO-Markt, ein MegaMarkt mit MegaPotential und teils niedrigen Eintrittshürden, was leider selten zu mehr Transparenz und besserer Qualität führt.

Für uns Konsumenten drängen sich weitere Frage auf; was bedeutet BIO, was genau heisst nachhaltige Produktion, wie sieht es mit der Ökobilanz aus und am wichtigsten, wie passt was in mein Leben: Mehr Gesundheit oder/und mehr Umweltschutz oder/und bessere Arbeitsbedingungen in benachteiligten Produktionsländern oder/und mehr Unterstützung für lokale Produzenten oder/und das beste Preis-/Leistungsverhältnis oder/und weniger Massenproduktion, usw.

Ich akzeptierte vor einiger Zeit den Gedanken, dass es sich hier am Schluss um eine Glaubensfrage handelt, ohne eine neue Bioismus-Religion zu etablieren. Wir müssen den Anbietern Vertrauen, denn ein vollumfängliches dechiffrieren des Label-Dchungels ist schlicht zu aufwändig und wie bereits festgestellt, ist BIO nur ein möglicher kleiner Teil in der Welt der Nachhaltigkeit.

2 Gedanken zu “Ist Bio Gesundheit, Umweltschutz oder einfach Glaubensfrage?

    1. Hi Vielen Dank für Deinen Input. Ich freue mich ebenfalls über jede Massnahme, die in diese Richtung geht. Bin gespannt ob und wann wir mit dieser Art des Labelings rechnen können.

      Gruss Pädi

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