Warum der Muttertag eben nicht abgeschafft werden soll

Heute ist Muttertag. Dieser Tag im Jahr, an dem man seit langer Zeit, glaubt man dem Eintrag auf Wikipedia war der Ursprung des heutigen Feiertags im Jahre 1907, den Müttern, wertschätzend für die ganze, harte, wertvolle und unbedingt nötige Arbeit «Danke» sagt. Nun scheint dieser Tag nicht alle Gemüter in Freude zu versetzen. Heute Morgen habe ich den Beitrag von Andrea Jansen, mit dem Titel «Muttertag, das Ablenkungsmanöver des Jahres» gelesen. Auf ihrem Blog «anyworkingmom.com» ist sie der Meinung, dass der Muttertag einem Refresh unterzogen werden muss. Sie lehnt die zahlreichen und unmöglichen Kitsch-Geschenke ab, die im Handel angeboten werden und wünscht sich stattdessen eine Familienpolitik, die kurz zusammengefasst die Gleichberechtigung nun endlich auf die Agenda schreibt. Es geht um fehlende Wertschätzung, ein falsches Betreuungssystem für Kinder, deren Mütter wieder im Arbeitsleben stehen und irgendwie um das vermeintlich nun überholte Reduzieren der Frau auf eine Geburtenmaschine. Ein Potpourri aus Themen, die Frau Jansen dazu veranlassen, den Tag nicht zu feiern.

Etwas später lese ich im Tagesanzeiger den Artikel von Edgar Schuler mit dem Titel «Verbietet den Muttertag». Er vertritt die Meinung, dass der Muttertag ein schmerzhaft unzeitgemässer Brauch ist. Er verurteilt ebenfalls die Kommerzialisierung und glaubt, dass der Begriff Muttertag das gesellschaftliche Bild vom «Heimchen» am Herd zementiert, das Tag und Nacht über sein Kinder wacht und für sie sorgt. Also abschaffen, denn die Frauen hätten ja den 8.März (Internationaler Frauentag), und die Floristen den Valentinstag.

Jetzt Gopferteli, müssen wir denn wirklich alles und jegliches auf die Prüfwaage legen!

Verschiedene, artverwandte Themen frischfröhlich mixen und wie in diesem Fall einen Feiertag, aufgrund von Gleichberechtigungsthemen, in Frage stellen? Da vergleichen wir doch «Bire und Öpfel», nicht?

Die Welt dreht sich, und die letzten 20 Jahre viel schneller als uns allen lieb ist. Die Gesellschaft verändert sich, die Bedürfnisse ändern sich und vieles was Jahrhunderte Bestand hatte ist heute überholt und zielt in eine neue Richtung. Alles d’accord. Wir leben im Zeitalter der Disruption. Uber ersetzt das Taxigeschäft, Airbnb wälzt die Tourismusbranche um und Spotify ersetzt meine teuer bezahlte CD-Sammlung. Ist es nun nicht umso wichtiger, dass wir Traditionen möglichst nicht der Disruption zum Frass vorwerfen?

Der Muttertag steht stellvertretend für die Arbeit des gesamten Jahres, ja des ganzen Lebens eigentlich. Wie Jansen richtig anmerkt ist jeder Tag Muttertag. Aber einmal im Jahr, da feiern wir gemeinsam. Am Muttertag sage ich eben nicht dem «Heimchen» danke, die mit der karierten Schürze am Herd steht. Nein, ich bedanke mich, dass ich dieser Mensch werden durfte, der ich heute bin. Ich danke für einen ganzen Brocken Arbeit; enorm viel Feingefühl, Geduld, Koordinations-Talent um alles unter einen Hut zu bringen, Nerven, Energie ohne Ende, Zärtlichkeit, Verständnis für alle Sorgen und Ängste, Liebe und Geborgenheit, das vollbringen einer enormen Arbeits-Vielfachleistung, die ertragene Doppelbelastung von Mutter sein und Job und nicht zuletzt für die enorm grosse Portion Selbstlosigkeit, die beim Entscheid «Elternsein» ins Grundpaket gehört.

Vielleicht ist es gerade diese «Selbstlosigkeit», zu der viele Menschen nicht mehr bereit sind!

Hierbei versteht sich von selbst, dass dieses «Zurückstehen» gleichmässig auf Männchen und Weibchen verteilt werden müsste. Natürlich können wir Blockunterricht flächendeckend einführen und flexiblere Kitamodelle etablieren, damit beide Elternteile neben dem «Elternsein» ihrem Beruf nachgehen können und alle anderen Hobbys nicht zurückstecken müssen. Einige haben hierbei leider keine Wahl, andere pflegen aber Karriere und persönlichen Status und Ego.

Nur wo liegt hierbei der Vorteil, oder eben der Nachteil für die Kinder? Das Kind benötigt intensive Betreuung, und diese am liebsten von den Eltern, die sich für’s «Elternsein» entschieden haben. Wenn sich unsere Kinder künftig daran gewöhnen müssen, dass die Eltern mit vielen anderen Dingen beschäftigt sind und das «Elternsein», die wesentliche Betreuung, Erziehung, Nähe und Liebe und das überaus entscheidenden Vertrauen fremd organisieren, dann wird dies Auswirkungen auf die Entwicklung haben, da bin ich mir ganz sicher.

Für die meisten wird klar sein, dass die Dankbarkeit nicht an einen einzigen Tag geknüpft ist. Die Empathie ist zwischenmenschlich und spielt sich im Mikrofamilienumfeld ab.
Wie und ob man den täglichen Einsatz seiner Mutter, oder der Mutter der eigenen Kinder schätzt, dies erkennt und Wertschätzung zeigt, unterliegt der Ansicht jedes einzelnen. Für dies benötigt es tatsächlich keinen Reminder-Tag, sondern nur Anstand und eine vernünftige Erziehung. Aber es spricht nichts dagegen, diese individuelle Dankbarkeit gemeinsam zu feiern. Zumal wir auch diesen Müttern dankbar sind, deren Kinder leider nicht mehr die Möglichkeit haben, ein «Mami is the Best» T-Shirt zu organisieren, allen Müttern die aus verschiedenen Gründen niemanden mehr haben, der «Danke» sagt, und auch allen Müttern die noch im alten, patriarchalischen Rollenbild die Kinder mehrheitlich alleine grossgezogen haben. Alle Mütter werden heute gefeiert, und dies ist doch richtig so!

Das Geschenk ist doch sekundär!

Was ich schenke unterliegt meinem persönlichen Geschmack, meinen finanziellen Möglichkeiten oder auch den Vorlieben des Beschenkten. Lohnt es sich tatsächlich, sich über Sinn und Unsinn von 5.- Geschenken auszulassen? So wie es scheint, besteht eine Nachfrage und diese Artikel werden gekauft und verschenkt. So what? Ich lade Euch ein den Blickwinkel weg vom «Ich» und mehr auf die Kinder zu legen, die mit grosser Freude basteln, gestalten und es dann kaum erwarten können am Freudentag mit funkelnden Augen zu schenken. Hier dem Kind zu attestieren, dass es sowieso nicht weiss was Dankbarkeit heisst, erscheint mir in diesem Moment eine falsch vorgelebte Bescheidenheit.

Also was zum Kuckuck spricht dagegen, diesen langjährigen, und weltumspannenden Feiertag zu nutzen um gemeinsam «Danke» zu sagen. Ich bin mit den anderen grossen Lücken im Bereich der Gleichberechtigung ebenfalls nicht einverstanden, wünsche mir aber, dass dies nicht auf dem Buckel des Muttertags ausgetragen wird. Dies wäre für viele, die sich freuen, die eine echte Wertschätzung verspüren und Energie daraus tanken, die das Thema nicht in die Details zerlegen, sondern einfach geniessen und für viele Familien, die an diesem Tag mit grosser Freude zusammenkommen, ein echter Verlust, denke ich.

 

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