Im Zug

Ich pendle

7:40 Uhr, ich sitze im Zug nach Zürich. In der S12 um genau zu sein und mein Mobile hat noch 16% Restenergie. Reicht es wohl bis zur Station Stadelhofen? Wie Skurril es wäre, müsste man sich diese Frage jeweils für die Lokomotive stellen.

Der Zug ist voll, sehr voll. Ich steige in den Wagen, der zur Hälfte aus 1.Klasse und zur anderen Hälfte aus 2.Klasse besteht. Da aus der 1.Klasse weniger Menschen aussteigen, habe ich mir angewöhnt hier einzusteigen und dann quer durch die Teppichetage in die Holzklasse zu laufen um mir einen der begehrten Sitzplätze zu schnappen. Dies klappt wunderbar, da die Einsteiger am Eingang der 2.Klasse immer noch gutschweizerisch die Aussteiger aussteigen lassen.

Mit meinen Earphones bestückt sitze ich im Viererabteil mit zwei weiteren Pendlern. Ich sitze auf dem Innenplatz und fahre rückwärts. Leicht seitlich in den Mittelgang geneigt, da der Mensch rechts neben mir mehr Platz benötigt, als der Normsitz hergibt. Mein vis a vis, ein Jüngling, Mitte zwanzig und Schneuzli, gähnt. Dies steckt Abteilübergreifend an. Der Schneuzli-Typ trägt ein weisses, gemustertes Hemd und einen dunkelblauen Tschoopen mit einem Pin am Revers, dessen Aussage ich aber nicht erkennen kann. Er ist mit dem Handy beschäftigt. Nun steigt er aus. Die vertraute Stimme aus dem Off verrät uns, dass wir in Schlieren einfahren. Ich wechsle den Platz und fahre nun aufrecht und vorwärts.

Auf der Ablage steht eine leere Dose Redbull. Seit die Abfallbehälter entfernt wurden, stehen vermehrt Dosen auf der Ablage, denk ich mir. Eigentlich standen immer schon leere Dosen auf der Ablage, denk ich mir.

Hilft nicht bei allen Menschen,
doch heute funktioniert es

Ich höre keine Musik. Die Ohrhörer, mit Kabel, sollen kommunikativen Morgenpendlern vermitteln das ich kein kommunikativer Morgenpendler bin. Hilft nicht bei allen Menschen, doch heute funktioniert es.

Im Nebenabteil unterhalten sich zwei Frauen. Sie füllen den restlichen Audioraum, der neben den gewohnten Fahrgeräuschen noch übrig ist. Mir fällt auf, das dieses vermischte Klangbild durch wenig Schnäuzen, Husten und Niesen getrübt wird. Muss am Wetter liegen, denk ich mir.

Mein Platzvereinnahmender Abteilungsmitpendler lächelt. Er trägt überdimensionale, schwarze Kopfhörer der Marke Sony. Hört vermutlich ein lustiges Hörbuch. Es fällt mir auf, wie ich Archetypisch einordne; ein Banker, eine Studentin, eine Werberin, ein Pensionierter. Wohin werde ich wohl Schubladisiert, denke ich? Dann nochmals ein Blick zurück zu dem vermeintlichen Pensionierten. Was zum Geier machen die immer im Pendlerzug, denke ich.

„Stadelhofen“. Ich und die Lokomotive haben noch 8% Restenergie. Das reicht nie bis nach Winterthur, denke ich.

Ich lächle und steige aus.

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