Wie lebt es sich im traditionellen Familienmodell?

In der Serie «Wir fragen uns …» stellen sich Redaktions- und Verlagsmitarbeiter*Innen vom
Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi gegenseitig Fragen aus dem grossen Familienuniversum. Auf die Frage von Florina Schwander, Leitung Onlineredaktion antwortet heute Patrik Luther, stellvertretende Verlagsleitung.

Text: Patrik Luther

«Lieber Patrik, deine Frau und du, ihr lebt zusammen mit euren beiden Töchtern das traditionelle Familienmodell: Du arbeitest 100 Prozent, sie kümmert sich um Kinder und Haushalt. Wie läuft das so?»

Liebe Florina, ich danke Dir, dass Du diese Frage stellst. Gerade in der aktuellen Situation mit der unerwarteten Umstellung auf mehr Homeoffice, Einführung von Homeschooling und der Mehrarbeit in der Firma „ZuHause“, ploppen die Herausforderungen der verschiedenen Formen und Herausforderungen des Zusammenlebens so richtig auf. Ein guter Zeitpunkt also das „Wie läuft das so?“ auseinander zu pflücken.

Eingehend darf ich sagen, dass es aktuell in etwa so läuft, wie wir uns dies vorstellen und dies ist durchaus positiv gemeint. Die Wohlfühl-Waage wird jedoch auch ständig neu, und auf beiden Seiten mit Bedürfnissen gefüllt: Links die erfüllbaren, rechts diese, welche etwas zurückgestellt werden müssen. In unserem Setting, dem vermeintlich «traditionellen Familienmodell», gelingt es uns, die Schale der Bedürfnisse, denen wir nachkommen können, immer etwas höher zu gewichten. Ohne nun auf die einzelnen, unerfüllten Wünsche einzugehen ist es natürlich so, dass die erstrebenswerte Vereinbarkeit aus vielen Gründen eine Herkulesaufgabe ist. Gerade die Opportunitätskosten, oder Verzichtkosten auf eine lineare Job-Entwicklung bei meiner Frau sind gross und der künftige Wiedereinstieg eine kaum abschätzbare Herausforderung.

Diese und viele Andere nehmen wir jedoch an, denn wir glauben stark an das Leben im Hier und Jetzt, auch im Wissen darum, dass ein Leben in der Gemeinschaft mit heranwachsenden Kindern einem steten Wandel unterworfen ist. Dies erzeugt eine wünschenswerte Dynamik, welche wir als «unser Leben» erkennen.

Was mich etwas unangenehm berührt ist die wertende Wortkombination „traditionelles Familienmodell“, denn es weckt bei mir den Eindruck einer generalisierenden, statischen, gesellschaftsbildlichen Lebens-Situation. In der bunten neuen Welt wie ich diese wahrnehme, mit den unterschiedlichsten Zusammenlebensformen, kommt dieses Bild meiner Realität nicht mehr sehr nahe. Ich erlaube mir die These, dass dies ein halbherziges, antiquiertes Bild zu malen versucht, welches die Gemeinschaft „Familie“ oder dessen Zustand beschreiben soll, um eine möglichst einfache Vergleichbarkeit zu erreichen. Ein schnelles Einordnen wird möglich und gleichzeitig können allgemein-verständliche Werte angedockt werden: „Die Luther’s leben, wie die Meier’s, das klassische Familienmodell“.

«Ein Gleichberechtigungsfettnäpfchenhüpfen
auf höchstem Niveau.»

Daraus folgt das Meinungsbild der guten Tradition, der optimalen Basis für die Mannenkarriere, die genetische Argumentation der Mutter-/Kindbindung und abgeleitet die unumstössliche Rollenteilung von Frau und Mann. In meiner Wahrnehmung ein klassisches Gender-/ bzw. Gleichberechtigungsfettnäpfchenhüpfen auf höchstem Niveau.

Müsste ich die Frage für uns umformulieren, so könnte sie in etwa so klingen: «Lieber Patrik, Du und Deine Familie trainiert die dynamische und auf alle Familienmitglieder Rücksicht nehmende Lebensgemeinschaft, die in Eurem Fall aus Mami, Papi und zwei Kindern mit fünf Jahren Altersunterschied besteht. Ihr habt Euch aktuell so aufgeteilt, dass Du zu 100 Prozent auswärts und Deine Frau zu 100 Prozent zu Hause arbeitet und Ihr, in der gemeinsamen Zeit, das Erleben, Arbeiten, Kochen, Putzen und Betreuen der Kinder fair aufzuteilen versucht. Wie läuft das so?»

Dieser Versuch der Frage-Umformulierung zeigt doch sehr plakativ, wie unglaublich bunt und komplex das Zusammenleben heute ist. Es zeigt auch auf, wie die Individualität jedes einzelnen Mitglied’s der Lebensgemeinschaft, das Gesamtmodell prägt und jetzt kommt’s: Das Zusammenleben laufenden Anpassungen unterworfen ist. Es wirft aber auch gleichzeitig eine Neue Frage in den Raum: Was und für wen ist denn fair wirklich fair?

«Für Mami ist es Fair, wenn Papi den Abend-
und Morgendienst übernimmt.»

Von Aussen betrachtet ist «Fair» wohl dann, wenn eben die erfüllbaren Bedürfnisse im Moment überwiegen, auch wenn dies nur in einem leichten Mass ist. Die Innensicht von «Fair», jedes einzelnen Familienmitglieds, hat damit aber nichts zu tun, denn da spielen individuelle Faktoren eine entscheidende Rolle. Für unsere Kleine ist es total fair, wenn sie ein Guetzli mehr bekommt als die Grosse. Für diese ist es vollkommen unfair, wenn Mami am Abend weg sind um sich der wohlverdienten Zweisamkeit zu widmen. Für Mami ist es Fair, wenn Papi den Abend- und Morgendienst übernimmt und für mich ist es unfair, dass die Kids einem Teller Pasta mit Fertigsauce, meinem liebevoll zubereiteten Gemüserisotto, den Vorrang geben.

Wie oben beschrieben gestalten wir unser Zusammenleben im Wissen, dass wir im Trainingsmodus sind und auch lange bleiben werden. Wir haben nicht den Anspruch auf richtig oder perfekt, aber wenn uns etwas gut gelingt, dann feiern wir dies ordentlich und gemeinsam. Dies bedeutet gleichzeitig, dass wir nicht die absolute Sicherheit suchen, sondern dem ständigen Wandel den nötigen Platz und Raum einräumen. Ich bin sicher, dass es viele spannende Lebensmodelle gibt da draussen und ich glaube es lohnt sich hin und wieder nachzufragen:  ..und wie läuft das so?

«Die Corona-Situation hat uns fadengrad und gegenseitig den Mental-/ bzw. Workload aufgezeigt, aber auch Chancen und Möglichkeiten für Optimierungen und gegenseitiges Verständnis. Wir nutzen dies und haben es in unser Trainingsprogramm aufgenommen»

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